Das Tal der Pferde

Vielleicht mehr als eine schöne Geschichte…

In einer wunderschönen Landschaft gibt es zwei Täler- eines, in dem die Menschen leben, und das Tal der Pferde. Beide Täler sind durch eine hohe Bergkette voneinander getrennt.

Wenn nun ein Mensch ein Pferd reiten möchte, so muss er die hohen Berge überwinden. Bei den Pferden angekommen, hat er zwei Möglichkeiten: er fängt sich ein Pferd, bringt es ins Tal der Menschen, zähmt es und reitet es zu-, oder er bleibt im Tal der Pferde, und wird vielleicht fragen: „Was muss ich tun, damit du Pferd, mich auf deinem Rücken tragen kannst?“ und das Pferd könnte antworten: „Wir brauchen gegenseitigen Respekt und Achtung voreinander, wir brauchen Vertrauen und wir müssen verstehen, was im anderen vorgeht. Wir müssen uns unsere Absichten und Gefühle gegenseitig mitteilen können.“

Moment mal- ich soll dem Pferd meine Gefühle mitteilen?!?

Ja genau das, denn das Pferd kann weder besonders gut analysieren, noch logisch oder abstrakt denken, es handelt unmittelbar und ohne darüber nachzudenken, aus dem Gefühl heraus. Ein Pferd, welches müde ist und sich sicher fühlt, sucht einen Ruheplatz, Ein Pferd, das Angst hat, läuft weg.

Ein Pferd welches Ruhe, eine angenehme Atmosphäre, Selbstsicherheit und innere Ausgeglichenheit bei einem Menschen fühlt, wird Kontakt zu ihm suchen. Wenn das Pferd beim Menschen aber Nervosität, Angst, Hektik, Bedrohung, Enge und Zwang spürt, wird es von ihm wegstreben. Das Pferd sucht also immer harmonische Stimmungslagen , die es an das Zusammensein mit anderen Pferden in einer Herde erinnert. Es meidet die Gefühlszustände, die es an Bedrohung von außen erinnert.

Das sind unter anderem fokussierte Aufmerksamkeit und fixieren des Pferdes mit beiden Augen. Es ist tatsächlich ein Unterschied, ob man das Pferd nur aus den Augenwinkeln ansieht (das tun andere Pferde) oder mit beiden Augen (das tun Raubtiere). Mit dem Pferd, nicht auf das Pferd gucken, heißt also eine Devise im Tal der Pferde.

Pferde sind Meister im Lesen der Körpersprache, und sie lesen die Signale der Raubtiere ebenso gut, wie die ihrer Artgenossen. Liest ein Pferd die Konzentration und Anspannung eines Raubtieres, ist die Auswertung dieser Informationen sicher nicht der Gedanke „Aha, es droht Gefahr, besser, ich gehe weg!“. Diese verstandesmäßige Überlegung würde viel zu lange dauern. Eher kann man sich vorstellen, dass dem Pferd der Schrecken in alle Glieder fährt und es seinem inneren Drang, auf der Stelle wegzulaufen nachgibt, ohne einen Moment darüber nachzudenken.

Das Pferd liest also die Körpersprache eines anderen Wesens und erfährt ein Gefühl. Die Reaktionen der Menschen beruhen auf Gedanken, beim Pferd sind es immer Gefühle, denen dann eine Reaktion folgt.

Wie schaffe ich es also, dass das Pferd in mir Dinge liest, die bei ihm Gefühle wie Vertrauen, Harmonie, Freude, Motivation oder Eifer hervorbringen?

Eines ist sicher: Vorgaukeln lässt sich das Pferd nichts- ich muss diese Gefühle in mir tragen, Gefühle, die das Pferd an das Zusammensein mit andere Pferden in der Herde erinnert. Das sind zunächst einmal Geborgenheit und, ich nenne es einmal ein absolutes „Unaufgeregtsein“. Im wesentlichen bedeutet dies das Freisein von jeglicher Aggression und Nervosität.

Als Mensch tragen wir sowohl die Eigenschaften eines Jägers, als auch die des Herdenwesens in uns. Die Seite des gemeinschftsorientierten Wesens, wo gemeinsames Erleben den Gruppenzusammenhalt stärkt und ein soziales Miteinander das Überleben sichert, dies Seite in uns ist im Zusammensein mit dem Pferd gefragt.

Die Berge zwischen dem Tal der Menschen und dem Tal der Pferde, die es zu überwinden gilt, sind: Aggressivität, Nervosität, Ehrgeiz, Härte, Egoismus, Zwang…, alle die Eigenschaften, die uns als Raubtier und Jäger kennzeichnen. Diese müssen wir hinter uns lassen um im Tal der Pferde bleiben zu können. Dort werden wir von den Pferden nicht mittels ihres Denkens beurteilt, sonder durch die Gefühle, die wir bei ihnen auslösen. Diese spiegeln die Eigenschaften und Gefühle wieder, die wir in diesem Moment in uns tragen. Wenn wir es schaffen, frei von Raubtiereigenschaften zu sein, dann werden uns auch die Pferde im Tal der Pferde auf ihrem Rücken tragen.