Der Hufmechanismus

Als der liebe Gott das Pferd erschaffen hatte, hat er ganz bestimmt nicht damit gerechnet, dass seine zweibeinigen Halbaffen, die später einmal die Erde bevölkern sollten, sich auf die Pferde setzen und sich „Reiter“ nennen werden.

Die Reiter waren mit ihren Reittieren auch nicht besonders zufrieden. Die Urformen des Pferdes wie das Przewalskipferd waren auf Dauer doch zu rustikal. Da hat man schon etwas nachgebessert, gekreuzt und selektiert, Zuchtverbände gegründet und Rassestandards aufgestellt, und so entstanden mit der Zeit eine Vielzahl an Pferderassen, die im allgemeinen etwas schicker, sportlicher, größer oder was- auch- immer waren, als ihre Vorfahren, die nur noch in Zoos zu besichtigen sind und gerne mit dem Ausruf bedacht werden:“guck mal, das soll ein Pferd sein?“

Ja, liebe Reiter, das ist ein Pferd, und jedes unserer edlen Rösser trägt das genetische Erbe dieser“Zauselponies“ und funktioniert sowohl in seiner Physiologie wie in seinem Verhalten noch genauso, wie die Urform. In ihrem Aussehen haben wir die Pferde enorm verändert, in ihrem Wesen jedoch kaum.

Und darüber können wir froh sein, denn ich glaube, der liebe Gott hat sich bei der Schöpfung seiner Equiden schon sehr viel Mühe gegeben.

Diese Pferde sollten geschickte Läufer werden, und dazu brauchten sie auf dem harten Steppenboden feste Hufe und relativ lange Beine .

Doch daraus ergab sich ein Problem:Das Herz liegt ca einen knappen Meter über dem Boden. Beine und Hufe müssen durchblutet werden. Das Blut strömt aufgrund der Schwerkraft gern nach unten -aber dann??Allein durch die Pump – und Ansaugkraft des Herzens würde es nicht ausreichend wieder nach oben transportiert werden können. Blutflüssigkeit würde aus den Venenwänden austreten, und als Gewebswasser ins umliegende Bindegewebe eindringen. Die Pferde würden mit unansehnlichen Stauungsödemen an den Beinen herumlaufen…..moment mal, passiert das nicht gelegentlich, vor allem wenn Pferde wenig Bewegung haben??

Dieses Problem, das Versacken des Blutes im Zehenbereich- ist auf geniale Weise gelöst. Der Trick heißt: der Hufmechanismus.

Und das funktioniert so: beim Auffußen erweitert sich die Hornkapsel des Hufes im hinteren Drittel um ca 2mm, um sich beim Abfußen wieder zu verengen. Entscheidend ist, daß zwischen Hornschuh und Hufinneren die Lederhaut liegt, die ein hochdurchblutetes Kapillargebiet darstellt, ähnlich wie ein Schwamm, in dem der Austausch von Sauerstoff und Nährstoffen zum umliegenden Gewebe stattfindet. Beim Auffußen erweitert sich also der Hornschuh, und es strömt Blut in das schwammartige Gewebe der Lederhaut ein, um beim Abfußen durch das Verengen des Hornschuhs wieder komprimiert zu werden. Somit existieren 4 passive „Blutpumpen“, die helfen, das Blut aus den Zehen zum Herzen zu pumpen. Nun funktionieren diese „Blutpumpen“ aber nur, wenn sie auch bewegt werden. Wie bringt man nun ein Pferd dazu, freiwillig ständig von einem Bein auf das andere zu treten?

Ganz einfach:der Hals eines Pferdes ist genau so kurz, daß es zum grasen die Beine etwas voreinander stellt, so kommt es etwas dichter an den Boden. Dadurch verlagert sich sein Schwerpunkt nach vorne , und das Pferd macht zum Ausgleich den nächsten Schritt . Solange es frisst, und das tut es in der Steppe ca 12-16 h pro Tag, läuft es in gemächlichem Schritt seinem Schwerpunkt hinterher.

Genial,oder?

Mir leuchtet ein, dass Sehnen und Gelenke nur dann gesund funktionieren können, wenn Stoffwechselprodukte schnell abtransportiert werden, damit sauerstoff-und nährstoffreiches Blut entsprechend nachströmen kann. Ausreichend Schrittbewegung (mehrere Stunden am Tag) ist nach meiner Auffassung beste Voraussetzung, Arthrosen und Sehnenschäden vorzubeugen. Erst pferdegemäße Ausbildung und Haltung führen zu leistungsfähigen Pferden.

Denken wir an die „Zauselponies“ in der Steppe, um die Bedürfnisse unserer „modernen“ Pferde zu verstehen.