Schwitzende Pferde

Vor den Ruhm haben die Götter den Schweiß gesetzt

. . . sagte mein alter Lehrmeister – und es scheint viele Reiter zu geben, die dies wörtlich verstehen. Wenn Pferd und Reiter nicht ordentlich geschwitzt haben, haben sie wohl nichts geleistet und die Qualität der Arbeit wird schon aus diesem Grunde in Frage gestellt. Mir ist dieser Gedanke etwas zu sportlich, ist doch mein Pferd in erster Linie Freizeitpartner und kein Sportgerät, an oder mit dem ich mich täglich abrackern möchte. Meine Pferde und ich schwitzen während des Reitens jedenfalls höchst selten und trotzdem, oder gerade deswegen meine ich, doch recht gute Ergebnisse zu erzielen.

Ich glaube mich diesbezüglich in guter Gesellschaft. Wer würde ernsthaft eine Darbietung in der Spanischen Hofreitschule kritisieren mit der Begründung, dies könne ja kein ordentliches Reiten sein: Pferd und Reiter hätten ja gar nicht geschwitzt?

Betrachten wir doch Reiten als Kunst, in der Harmonie, Leichtigkeit, Eleganz und Ausdruck im Vordergrund stehen. Niemand will in einer künstlerischen Darbietung Schweiß und Anstrengung sehen. Wer geht in ein Klavierkonzert, um zu sehen, wie dem Pianisten der Schweiß von der Stirn rinnt?

Sicher: der Weg zur Kunst ist oft hart, aber er führt über Disziplin, Konzentration, Beharrlichkeit bis zur Pedanterie und gleichzeitig zermürbende Selbstzweifel – eher als über schweißtreibende Körperertüchtigung.

Neulich sah ich einem Reiter bei seiner Arbeit zu, der sein Pferd bereits seit 40 Minuten ritt, in allen Gangarten und Touren der Dressurausbildung, einschließlich Piaffe. Das Pferd war offenbar gut in Form und knochentrocken. Er begann dann mit fliegenden Galoppwechseln. Wahrscheinlich war diese Lektion relativ neu für das Pferd, der Ausdruck änderte sich jedenfalls schlagartig. Das Pferd spannte die Zügel, biss auf die Trense, quirlte mit dem Schweif, die Augen traten hervor, kurz: es ähnelte einem abschussbereiten Flitzebogen. Innerhalb von zwei Minuten war das Pferd schweißnass! Bei dieser Beobachtung dämmerte mir die Erkenntnis, dass die Pferde oft mehr aufgrund von Aufregung als vor Anstrengung schwitzen.

Einige Überlegungen dazu (diese beziehen sich auf die Arbeit des Pferdes, welches in dressurmäßigen Lektionen geritten wird – für Renn-, Vielseitigkeits- und Distanzpferde gelten andere Voraussetzungen):

Die Produktion von Schweiß dient der Abkühlung des Körpers. Erhöhte Wärme entsteht bei erhöhter Muskelarbeit und muss abgeführt werden. Bei gut funktionierender Muskelarbeit kann sich die Muskulatur maximal kontrahieren, und anschließend maximal dehnen (sich entspannen).

Bewegungen werden durch abwechselndes Beugen und Strecken der Muskulatur ausgeführt. In der Dehnungsphase wird der Muskel mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, Kohlendioxid und Stoffwechselprodukte werden abgeführt. Ist die Muskulatur aber in einem „halbgespannten“ Zustand, wie z. B. bei Angst und Stress, ist die Blutzufuhr und die Abgabe der Stoffwechselprodukte eingeschränkt. Die Zufuhr stockt, die Schlackstoffe werden unvollständig abgeführt, die Muskelzelle arbeitet unterhalb ihrer Möglichkeiten. Wer aber ineffektiv arbeitet, muss mehr arbeiten, um die gleiche Leistung zu erbringen, d. h. in unserem Falle erhöhte Wärmeproduktion durch ineffiziente Muskelarbeit. Durch Stress und Angst gerät die Bewegungsmuskulatur in einen dauerhaft angespannten Zustand, der die Regeneration in der Zelle einschränkt und neben vermehrter Wärme auch Stoffwechsel-Zwischenprodukte entstehen lässt, die zu Muskulatur- und Organbelastungen führen.

Das heißt: psychisch und körperlich entspannte Pferde arbeiten effizienter, haben weniger Muskelkater und schwitzen weniger.

Abschließend ein Zitat von Faverot de Kerbrech 1891

Immer wieder verlangen, mit wenig sich begnügen, oft belohnen. Die Lektion soll für Pferd wie Reiter eine heilsame Übung, ein lehrreiches Spiel sein, das nie zur Ermüdung führt. Wenn der Schweiß hervortritt hat der Mensch das Maß überschritten.