Über das Wesen von Versammlung – Teil I

Meine These:

Das Pferd zu versammeln bedeutet nichts anderes, als ihm ein besseres Gefühl für Balance zu geben.

Grundsätzliche Betrachtungen von Gleichgewicht bei Pferd und Mensch

Sehen wir uns einmal Pferd und Mensch im Vergleich an. Das Pferd steht auf einer großen Unterstützungsfläche, deren Eckpunkte seine vier Hufe sind. Solange sich sein Körperschwerpunkt über dieser Fläche befindet, steht das Pferd stabil. Sein Schwerpunkt (SP) kann sich also innerhalb eines großen Bereiches verlagern, ohne dass es seine Stabilität verliert. Daher ist es Pferden auch möglich, nahezu ohne Muskelkraft zu stehen und sich dabei noch auszuruhen. Die Beine sind in ihrem unteren Teil nur mit Bändern und Sehnen versehen, einem passivem Halteapparat, wodurch wenig Muskelarbeit benötigt wird.

Anders ist es bei uns Zweibeinern. Wir stehen mit unseren Füßen auf einer relativ kleinen Unterstützungsfläche, eine recht kleine Bewegung bringt unseren Körperschwerpunkt schon außerhalb dieser Fläche und wir würden schnell umkippen, wenn wir nicht rechtzeitig unsere Körperhaltung korrigieren und unseren Schwerpunkt durch Muskelanspannung wieder über unseren Füßen ausbalancieren würden. Deshalb ist Stehen für uns anstrengend, da ständig unsere Stellreflexe und Muskeln arbeiten müssen, um das Gleichgewicht zu halten.

Daher behaupte ich: Der Mensch hat naturgemäß eine feinere Wahrnehmung für Balance als das Pferd.

Was bedeutet nun diese relative große Stabilität für das Pferd?

  • es ermüdet nicht im Stehen
  • es ist stabil in schneller Flucht und bei Richtungsänderungen in hohem Tempo

Die relative Stabilität beim Pferd ist gepaart mit einer Schwerpunktverschiebung in Richtung Vorhand. Die Vorderbeine tragen ca. 60-70 % des Gesamtgewichtes. Diese Schwerpunktverlagerung Richtung Vorhand, im Folgenden als Vorlast bezeichnet, ist im Wesentlichen abhängig von der Position von Kopf und Hals, sowie von der Beschleunigung.

Wichtig ist also: Bei jeder Veränderung von Körperhaltung oder Temp, verändert sich die Lage des Schwerpunktes.

Beschleunigt nun das Pferd durch Schubkraft aus dem Hinterbein, so gerät der dynamische Schwerpunkt häufig vor die Unterstützungsfläche und das Pferd muss eine Vorwärtsbewegung machen und weit ausgreifen, will es nicht auf die Nase fallen.

Eine effektive Strategie, wenn es darum geht, vor Feinden zu fliehen.

Vorwärtsbewegung ist also gekennzeichnet durch Verschiebung des Schwerpunktes in die Schultern, oder darüber hinaus nach vorn.

Schauen wir uns nun 2 Hengste an, die sich in imponierender Haltung umkreisen. Kopf und Hals sind hoch aufgerichtet, das Genick gebeugt, der Rücken wird getragen, die Kruppe gesenkt, das Hinterbein greift weit unter die Stützfläche, die Bewegungen sind nach oben gerichtet, stolz und erhaben. Das Pferd verlagert seinen Schwerpunkt etwas mehr Richtung Hanken und hält ihn relativ stabil. Damit strahlen die Bewegungen diese Balance und Erhabenheit aus, die wir im Renngalopp nicht unbedingt finden.

Das Zentrieren des dynamischen Schwerpunktes in Richtung seines Körpermittelpunktes gibt dem Pferd die Möglichkeit, auch seine Kräfte zu versammeln. Die Beine kommen unter dem Körper zusammen, die Unterstützungsfläche wird kleiner. Damit wird es geschmeidig, wendig auf engem Raum und es kommt zu einer Versammlung seiner Kräfte und Fähigkeiten.

Versammlung ist also gekennzeichnet durch Zentrieren des dynamischen Schwerpunktes auf kleinen Raum in Richtung Hanken.

Die Stute lernt das Gewicht von der vorhand zu nehmen.

Daraus folgt: Beschleunigung und Versammlung sind zwei völlig konträre Bewegungsabläufe und unterschiedliche Gleichgewichtszustände.

Da der Mensch die bessere Wahrnehmung für Gleichgewicht hat, ist es seine Aufgabe, das Gleichgewicht des Gesamtkörpers, den Pferd und Mensch miteinander bilden, zu überwachen.

Reiten ist Gleichgewichten!

Was es außerdem für das Gleichgewicht bedeutet, wenn sich ein Reiter auf ein Pferd setzt, werden wir in einem weiteren Artikel beleuchten. Weiterlesen…