Über das Wesen von Versammlung – Teil II

Meine These:

Das Pferd zu versammeln bedeutet nichts anderes, als ihm ein besseres Gefühl für Balance zu geben.

Was bedeutet es für die Balance des Pferdes, wenn es einen Reiter tragen soll?

Der Reiter sitzt im vorderen Bereich der Brustwirbelsäule des Pferdes, und damit den Vorderbeinen näher als den Hinterbeinen, denn nur dort ist die Wirbelsäule tragfähig genug für sein Gewicht . Das ist zwar schonend für die Wirbelsäule des Pferdes, aber nicht vorteilhaft für seine Balance.

Das Pferd erfährt durch das Reitergewicht den Reiter eine noch größere Vorlast, die sich bei beschleunigter Bewegung noch deutlich steigert. Dies legt dem Pferd nicht nur statisch sondern auch psychologisch den Gedanken nahe, wegzulaufen. Weglaufen wird aber assoziiert mit Flucht, Stress und geht mit Ausschüttung von Adrenalin einher. Viele anscheinend gehfreudige Pferde sind nur auf der Flucht vor ihrem Reiter, der Disbalance und damit Unsicherheit erzeugt. Sie befinden sich in einem mehr oder weniger kontrollierten Stresszustand, statt Freude an ihrer Bewegung zu haben.

Hinzu kommt die Tatsache, dass Pferde keine Schlüsselbeine haben. Der Rumpf ist über Muskeln und Sehnenstränge zwischen den Vorderbeinen aufgehängt. Es gibt also keine knöcherne Verbindung zwischen Rumpf und Vorderbeinen, so dass dieser bei Belastung durch das Reitergewicht beim jungen Pferd nachweislich um 1-2 cm zwischen den Vorderbeinen einsinkt. Das Pferd ist also vorne erst einmal „tiefergelegt“, was die Situation der Vorlast weiter verschlimmert.

Das Gewicht des Reiters ist also per se ein gewaltiger Störfaktor in der Statik und Dynamik des Pferdes. Ein Pferd, so aus dem körperlichen Gleichgewicht gebracht, hat zunächst Schwierigkeiten, „schwerelos“ zu tanzen. Als Wesen über einer großen Unterstützungsfläche hat es aber wie bereits (in Teil 1) erläutert, wenig Wahrnehmung für feine Balancekorrekturen. Es spürt nur die Auswirkungen der gestörten Balance und reagiert entsprechend seinem Naturell als Fluchttier,
nämlich: erhöhte Vorlast = Unsicherheit = Flucht = rennen = Stress.

Es ist die Aufgabe des Reiters, dem Pferd nahezulegen, seine Vorhand anzuheben und sein Gewicht in Richtung Hanken zu verlagern, um dieselbe Balance und damit dieselbe Beweglichkeit wiederzuerlangen, die es ohne Belastung durch das Reitergewicht hatte.

Der Mensch als vertikales Wesen über einer kleinen Unterstützungsfläche hat von Natur aus auch die bessere Wahrnehmung für Gleichgewicht.

Darüber hinaus kann das exakte Ausbalancieren der beiden Schwerpunkte von Pferd und Reiter, das Zentrieren des dynamischen Schwerpunktes in der Bewegung dem Pferd Möglichkeiten eröffnen, Kraft, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit zu steigern und somit das Spektrum seiner Bewegungsmöglichkeiten zu erweitern. Das Pferd wächst unter der Führung und Anleitung seines Ausbilders über sich selbst hinaus und genießt diesen harmonischen und ausbalancierten Zustand, der es ihm ermöglicht, seine körperlichen Fähigkeiten zu steigern. Bewegung wird nun mit Imponierverhalten assoziiert, und nicht mit Flucht.

Die Piaffe ist zwar noch nicht perfekt, aber es wird.

Dieses Phänomen war schon Xenophon vor ca. 2500 Jahren bekannt, denn er schrieb: „ Wenn du das Pferd in die Haltung bringst, die es selbst einnimmt, wenn es sich das schönste Aussehen geben will, so erreichst du, dass das Pferd des Reitens froh, stolz, prächtig und sehenswert erscheint. „