Über das Wesen von Versammlung – Teil III

Meine These:

Das Pferd zu versammeln bedeutet nichts anderes, als ihm ein besseres Gefühl für Balance zu geben.

Aktiver Gehorsam und passives Nachgeben

Um als Ausbilder, der sich in den Dienst des Pferdes stellt, erfolgreich zu sein, ist nach meiner Erfahrung folgender Aspekt sehr wichtig: ich muss das Pferd dazu bringen, aktiv etwas für mich zu tun und darf nicht damit zufrieden sein, dass das Pferd etwas mit sich geschehen lässt.

Wenn ich z.B. über Sitz oder Gebiss nach einer seitlichen Halsbiegung frage, muss das Pferd diese Haltung aktiv einnehmen und sie bewahren, auch wenn der Kontakt am Zügel aufhört. Solange ich nur mittels mechanischer Zugwirkung erreiche, dass das Pferd sich den Hals auf die Seite ziehen lässt, habe ich nichts erreicht. Das Pferd muss die Entscheidung treffen, die geforderte Haltung einzunehmen und dort zu bleiben. Diese Entscheidung trifft es aus Gehorsam, und zunehmend aus dem Vertrauen, dass es, wenn es meine Vorschläge annimmt, einen harmonischeren und balancierteren Zustand erfährt, in dem es sich wohlfühlt. Das Pferd überlässt mir die Choreografie für unser gemeinsames Tanzen, und ein gut ausgebildetes Pferd vertraut darauf, das sein Ausbilder ihm eine Haltung, Balance und damit Fähigkeiten verleihen kann, die es sonst nicht entwickeln würde. Das Pferd kann unter der Führung des Menschen über sich hinauswachsen und erfährt Freude an seinen Bewegungen.

Das Verbleiben in passivem Nachgeben macht aus dem Pferd bestenfalls einen frommen Erfüllungsgehilfen. Aber ein Wesen, das nur mit sich machen lässt, wird sich nicht stolz und schön präsentieren.

Meinst Du, das Leben zerbreche die Menschen? Sieh was Menschen aus Pferden machen. Die Menschen sind es, die das Leben zerbrechen. So zerbrechen Sie auch das Leben im Pferde. Armselige Wirkung landläufiger Dressur: die Dressur ist beendet, aber das Leben ist dahin. Strafen und Knebel, Zusammenschrauben zwischen ewig verhaltende Zügel und ewig treibende Schenkel und Sporen, verfluchte Ausbinderiemen, nicht endendes Stillstehen herangetrieben an unerbittliche Säulen (Pilaren), die ungeheure Freudlosigkeit der Schulmeisterei hat es zerbrochen. Du sitzt nur noch auf einer gut gewöhnten Maschine.

Rudolf G. Binding, Reitvorschriften für eine Geliebte

Aktiver Gehorsam ist nötig, um ein wirklich glänzendes Pferd zu reiten. Das Pferd muss die Versammlung genauso suchen und genießen, wie sein Reiter.

Das bedeutet aber natürlich, dass meine Forderungen, die ich an das Pferd stelle, sich nach den Bedürfnissen des Pferdes richten. Ich muss mein Pferd genau kennen, und wissen wozu es in der Lage ist, und wozu nicht. Meine Frage an das Pferd lautet nicht: Was, Pferd, tust du für mich, sondern sie hat zu lauten: Was, Pferd brauchst du von mir, um das Beste zu werden, was du sein kannst.