Über das Wesen von Versammlung – Teil IV

Meine These:

Das Pferd zu versammeln bedeutet nichts anderes, als ihm ein besseres Gefühl für Balance zu geben.

Das Gebiss als Balancehilfe

Das Aussetzen der Hilfen als pferdegemäßes Prinzip der Reiterei

Wie in den vorigen Beiträgen ausgeführt, hat das Reitergewicht dramatische Auswirkungen auf die Statik und Dynamik des Pferdes. Dem Pferd muss es fast wie eine Behinderung vorkommen, durch das Gewicht des Menschen zwischen seinen Schultern beschwert und nach unten gedrückt zu werden, sind doch die erhabenen Bewegungen durch das Leichtwerden in der Vorhand gekennzeichnet.

Das Pferd ist aber nicht mit der Idee auf die Welt gekommen, einen Gesamtkörper Pferd-

Mensch ins Gleichgewicht zu setzen. Diese Pflicht obligt dem Reiter. Die Technik, dies zu erreichen, soll funktionieren wie eine Balancierstange, die dem Artisten in die Hand gegeben wird, um auf einem Seil zu balancieren. Beim Pferd ist diese Balancierhilfe das Gebiss. Dieses zeigt an, wo es den Kopf und Hals zu tragen hat, um bei aufwärts gerundeter Oberlinie!! seine Balance verändern zu können. Der Reiter hat dieses Instrument wie eine fein justierte Waage zu handhaben, nicht als Zwangsmittel, das Pferd gefügig zu machen. Und hier liegt die große Gefahr: die Möglichkeit, über den Unterkiefer Druck auszuüben, bedeutet einen sehr effizienten Angriff an einem mechanischen Hebel, dessen Drehpunkt zwischen Schädel und erstem Halswirbel liegt. Über diesen Hebel lassen sich bei durchlässigem Pferd!!! reflektorisch die Hanken biegen und das Pferd versammelt sich.

Aber je effizienter die Mittel, desto größer die Gefahr von Missbrauch. Wenn die Hand sich nicht darauf beschränkt, Vorschläge zu machen, die das Pferd von sich aus ausführt, sondern der Reiter ein passives Nachgeben erzwingt, ist aller Glanz dahin. Mit diesen Pferden wird körperlich und psychisch Missbrauch getrieben. Pferde, die nur mit sich machen lassen, sind nie stolz, kraftvoll und selbstzufrieden.

Das Pferd muss lernen, die geforderte Bewegung, das geforderte Nachgeben von sich aus zu tun. Dies tut es zunächst aus Gehorsam. Ich biete dem Pferd ganz pragmatisch die Entscheidung zwischen Komfort (meint Aussetzen der Hilfe, aufhören von jeglichem Druck), und Dyskomfort, also weiterem Einsatz von Schenkel oder Hand, bis das Pferd aktiv die geforderte Haltung einnimmt. Schon bald erkennt es, dass es nur bei mir, wenn es in die von mir vorgegebene Formgebung nachgegeben hat, keinem Druck ausgesetzt ist. Das bedeutet das komplette Aussetzen der Hilfen, sobald das Pferd die Führung durch den Reiter akzeptiert. Als Fluchttier liegt dem Pferd das Nachgeben und Weichen, das Vermeiden unangenehmer Situationen nahe, und sie wählen diesen Weg viel häufiger als die Konfrontation. Diese entspricht eher dem Verhaltensmuster eines Raubtieres.

Somit entspricht die altklassische Maxime: Sinkenlassen von Hand und Beinen, und Bewegung geschehen lassen, dem Wesen des Fluchttieres Pferd weitaus mehr, als das ständige Abfordern oder sogar Erzeugen wollen bestimmter Leistungen.

Wenn das Pferd nun also gelernt hat, eine bestimmte Körperhaltung und damit einen bestimmten Balancezustand von sich aus beizubehalten, und sich in eine versammelte Haltung begibt, so erfährt es in der Versammlung eine Steigerung seiner Kräfte und Fähigkeiten. Versammlung ist , wie im vorigen Artikel beschrieben, ein Zustand, in dem das Pferd sich gefällt, und so wird dieses Selbst-Bewusstsein für das Pferd zum eigentlichen Belohnungssystem. Es sucht die Hilfestellungen und Vorschläge des Reiters, um sich in diesen versammelten Zustand führen zu lassen. Mein Ansinnen ist es, das Zusammensein mit dem Menschen in der Reitbahn für das Pferd zum besten Ereignis des Tages werden zu lassen.