Von Reitkunst und Reitsport

Die Liebe zur Reitkunst ist eine Passion, die am ehesten mit der Liebe zu Musik oder Tanz vergleichbar ist. Sie strebt nach Schönheit, Harmonie und Bewegungen, die zwanglos, balanciert und tänzerisch anmuten, in denen Reiter und Pferd eine Einheit bilden.

Reitkunst hat mit Reitsport leider nicht mehr viel gemeinsam. Letzterer orientiert sich zunehmend an Leistungen und Erfolgen, die von außen bewertbar sind. Reitkunst erschließt sich dem Außenstehenden nur sehr unvollständig, denn während man im Sport z.B. die Höhe und Streckung der Beine messen und bewerten kann, kann das Erleben von Bewegung nur teilweise durch Zuschauen nachempfunden werden. Reitkunst ist wie Tanz Freude an Bewegung, Balance, Schwung, Kraft und Eleganz, die das Pferd vermittelt. Somit ist sie mehr auf das innere Gefühl für sich und das Pferd, denn auf den Zuschauer ausgerichtet.

Sportreiterei hingegen ist eher extrovertiert, darauf ausgerichtet, Richter und zuweilen auch das Publikum zu beeindrucken. Es handelt sich schließlich um einen Wettbewerb, den man gewinnen möchte, und darüber entscheiden nun mal die Richter.

In der Reitkunst, wo das Erleben von Schönheit und Harmonie im Vordergrund stehen, können letztlich nur Reiter und Pferd entscheiden, ob sie ihrem Traum ein Stückchen näher gekommen sind. Denn ein Außenstehender kann das Gefühl des Reiters nur bedingt nachempfinden. „Reiten lernen heißt, fühlen lernen“ sagte mein alter Lehrmeister einmal.

Im Zeitalter des Barock war Streben nach Schönheit in allen Kunstarten ein angestrebtes Ziel, so auch in der Reitkunst. Aber wer kann Schönheit objektiv bewerten? Wer sagt ob Mozart, Bach oder Haydn die bessere oder schönere Musik geschrieben haben? Somit sind meiner Meinung nach Wettbewerbe in Reitkunst so absurd wie Musikwettbewerbe. Beurteilt werden kann lediglich die technische Perfektion, aber damit befinden wir uns nur auf der Stufe des Handwerks. Sicher ist gute Technik wichtig für das Erlangen von Kunst, aber sie ist nicht Selbstzweck, genauso wie das perfekte Spielen von Tonleitern noch lange keine Musik ist. Erst Passion und Kreativität machen aus „Reittechnik“ ein gemeinsames Erleben von Bewegung und Tanz.

Kunst ist die Vergeistigung der Technik durch die Liebe“ Nuno Oliveira